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GOSPEL - Musik der guten Nachricht und der Hoffnung

Die Entstehungsgeschichte der Gospelmusik ist mit der Geschichte der Afrikaner in Amerika auf das Engste verknüpft. Um die Entwicklung der Gospelmusik nachvollziehbar zu machen, wird hier versucht in einem kurzen historischen Überblick die verschiedensten Einflüsse auf die Musik der Schwarzen zu verdeutlichen.


17. bis 19. Jahrhundert

Im Jahre 1619 gingen nachweislich die ersten 20 afrikanischen Arbeitskräfte in Virginia an Land. 1650 wurde die Sklaverei bereits in den britischen Kolonien Amerikas von Gesetz wegen anerkannt. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts stieg der Anteil der schwarzen Sklaven an der amerikanischen Gesamtbevölkerung dann auf ca. 21 % an.
Die schwarze Sklaverei wurde im 17./18. Jahrhundert zunächst fester Bestandteil beim Anbau von Tabak, Kartoffeln und Zuckerrohr und ab Ende des 18. Jahrhunderts vor allem der viel profitableren Baumwollindustrie. Auf den Plantagen herrschten extrem harte Arbeits- und Lebensbedingungen und die Sklaven wurden nicht selten äußerst brutal behandelt. Musik war die einzige Kulturform, die man den Sklaven ließ. Sie sangen deshalb bei der Arbeit ihre "Worksongs". Elemente daraus flossen in die späteren Spirituals und Gospelsongs ein.

Im Laufe des 18. Jahrhunderts gingen mehrere Kirchen mit Eifer daran, die Sklaven zu missionieren und versuchten, Anhänger unter ihnen zu gewinnen. Um ca. 1730 erfasste eine große "Erweckungsbewegung" (Great Awakening) die Kolonien, im Rahmen derer auch eine große Anzahl Schwarzer für das Christentum gewonnen werden konnte.
Die Schwarzen versammelten sich zunächst, um geheime Gottesdienste abzuhalten, in denen die biblischen Texte zur Sprache kamen, mit denen sie sich identifizieren konnten.
Verständlicherweise waren dies vor allem Themenkomplexe aus dem Alten Testament, wie die ägyptische Sklaverei des Volkes Israel und seine Befreiung durch Moses sowie die babylonische Gefangenschaft, während der die Schriften einiger Propheten und viele Psalmen entstanden, in denen vom Leid der Knechtschaft und von der Hoffnung auf Freiheit die Rede ist.
Im Rahmen dieser Treffen entstanden die ersten Spirituals, die sich auf den Exodus bezogen (Go down Moses) oder auf das Gelobte Land, das Gott seinem Volk verheißen hat.
In den Psalmen fanden sich einige Formen der Gottesverehrung wieder, die den aus Afrika mitgebrachten schwarzen Riten und Traditionen entsprechen, wie Tanz, lautes Jubilieren sowie der Einsatz von verschiedensten Musikinstrumenten.

Zur gleichen Zeit begann in England ein anglikanischer Pfarrer, Dr. Isaac Watts, die Kirchenmusik zu reformieren und wählte statt des eintönigen Absingens der Psalmen Lieder mit bildhaft und leicht verständlichen Texten sowie lebhaften, modern klingenden Melodien aus. Seine äußerst populäre Sammlung "Hymns an Spiritual Songs" fand schnell den Weg von England in die Kolonien Amerikas. Viele der dort gesammelten Lieder sprachen die Sklaven direkt an, da das Christentum als eine Religion der Armen, Unterdrückten und Entrechteten aufgefasst wird, die den Lohn für ihre Leiden auf Erden im Himmel erhalten würden.
Auch das Schema der Lieder - der Pfarrer oder Vorsänger singt eine Zeile, die von der Gemeinde wiederholt wird - entsprach der afrikanischen Musiktradition des "Call and Response". Aufgrund des Erfolgs folgten zahlreiche weitere Sammlungen von Hymnen-Büchern, aus denen in afrikanisch-amerikanischen Kirchen gesungen wurde, wo während des Singens oft afrikanische Elemente eingebracht wurden.

Schon hier zeigt sich, dass alle afrikanisch-amerikanischen Musikformen Mischformen darstellen. Die europäischen Elemente: Melodik, Harmonik, Stropheneinteilung und die Instrumentierung wurden mit afrikanischen Elementen kombiniert - es entstand das schon erwähnte Call & Response, die Polyrhythmik und die Expressivität, mit der besonders der Gesang dargeboten wird. Ein weiteres afrikanisches Element ist der Ring Shout - eine Art Ringtanz, bei dem die Teilnehmer eines Gottesdienstes sich im Kreis bewegen und in Call & Response-Manier singen.(Shout = afrik.Kulttanz)

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, also noch in der Sklavenzeit, entstanden aus den Sammlungen von geistlichen Liedern eine ganze Reihe von Liedern, die eher den Schwarzen zugeschrieben werden und die in den USA und in der ganzen Welt ungeheuer populär wurden wie z.B. "Swing Low, Sweet Chariot", "Nobody knows the Trouble I´ve seen", "Go down, Moses", "Rock my Soul in the Bosom of Abraham"



Die Musik der Schwarzen von 1800 - 1900

Um die Jahre 1780-1830 fand die sogenannte zweite Erweckungsbewegung statt (Second Awakening). Diese Bewegung basiert auf einer Rückkehr zu einer emotional geprägten religiösen Erfahrung und brachte eine weitere massive Evangelisierung der schwarzen Bevölkerung mit sich. Die Erweckungsbewegung beherrschte das Land von etwa 1800 bis zum Bürgerkrieg und erreichte in den 30er und 40er Jahren des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt.



2. Erweckungsbewegung und Zeltversammlungen

Methodistische Wanderprediger gaben den Impuls zu den Zeltversammlungen: die Ankunft der Prediger wurde vorher bekannt gegeben, damit die Leute sich an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit einfinden konnten. Da die Wege weit waren, blieben die Leute gewöhnlich mehrere Tage. So entwickelten sich ab 1800 die Zeltversammlungen, an denen die schwarze und die weiße Bevölkerung - teils getrennt, teils zusammen - teilnahm. (Die erste bekannte wurde im Juli 1800 in Logan Country in Kentucky abgehalten. Meist gab es Prediger verschiedener Glaubensrichtungen (Presbyterianer, Methodisten).

Im Zusammenhang mit den Zeltversammlungen wurden Lieder gesammelt und in Büchern zusammengefasst. In dieser Zeit spricht man zum ersten Mal von "Spirituals". Mit dem Begriff verbindet man in Amerika im allgemeinen die religiösen Lieder der Neger, doch ist die Bezeichnung eindeutig den englischen protestantischen Gesängen entnommen (Spiritual Songs heißt eigentlich "geistliche Lieder" - erst später verschiebt sich die Bedeutung des Wortes. Während die Lieder in England und den USA eher Hymns genannt wurden, nannte man ihre schwarze Variante "Spirituals". Dennoch gibt es auch Spirituals, die von Weißen gesungen werden, die auf den gleichen Quellen beruhen, jedoch "weiß" gesungen werden. Ebenso gibt es etwa seit Anfang des 20. Jahrhunderts eine weiße Variante des Gospel).
Die Melodien der Spirituals entstammten verschiedenen Quellen und sind nicht das Produkt der Erweckungsbewegung.



Der Negro Spiritual

Es gibt wenige Niederschriften von den Gesängen der Neger aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg (12.4.1861 - 09.04.1865). Die erste gedruckte Sammlung mit Negro Spirituals erschien 1867 unter dem Titel "Slave Songs of the United States".
Der eigenständige afro-amerikanische Gesang in Amerika entwickelte sich durch das Zusammenfließen verschiedener kultureller Überlieferungen.


Charakteristisch bleibt weiterhin der Wechselgesang zwischen Solostimme und dem Chor, das sogenannte "Frage- und Antwort- Lied". Was außer der Singweise eigentümlich wirkt, ist die Übertragung der Bilder und Worte der evangelischen Hymnen auf konkrete Situationen des täglichen Lebens (z.B. wird die Überfahrt über den Jordan mit der konkreten Tätigkeit des Ruderns identifiziert).
In den Themen gleichen die Negro Spirituals den Erweckungshymnen, erhalten allerdings oft einen doppelten Sinn, d.h. Emanzipation und Freiheit für die schwarze Bevölkerung. Durch diese Umwandlungen entwickelten sich die Negro-Spirituals über die Spirituals hinaus zu einer eigenständigen afro-amerikanischen Musikform.

Die Negro-Spirituals vereinigen die Spannung zwischen Hoffnung und Verzweiflung, aber sie drücken auch die Gewissheit aus, dass die Nöte nicht ewig bleiben werden.



Die Zeit nach dem Bürgerkrieg - Emanzipation der Schwarzen

Mit dem Bürgerkrieg endete offiziell die Sklaverei.

Nach dem Bürgerkrieg entwickelten sich zwei Richtungen, die in der Geschichte des Negro Spiritual ein Rolle spielen werden:
Die eine wollte die Form und Technik des europäischen Kunstliedes auf die Spirituals übertragen, die andere wollte den traditionellen volkstümlichen Charakter der Lieder erhalten. Die erste Richtung gewann die Oberhand, die zweite blieb im Hintergrund.

Mit der Verbreitung des Spirituals durch Chöre und Gruppen entstand eine Generation von schwarzen Gospel-Komponisten, die als wahre Pioniere der Gospelmusik angesehen werden. Es ist Tatsache, dass Texter und Komponisten von schwarzen religiösen Liedern namentlich bekannt sind, die die Gospels von den Spirituals unterscheidet.

Die ersten Komponisten knüpften nicht deshalb an der Tradition der Spirituals an, um an dem kommerziellen Erfolg Teil zu haben, sondern um zu beweisen, dass auch schwarze Komponisten schöne Lieder schreiben konnten, die bei einem weißen Publikum ankamen.
In dieser kurzen Periode verwandten die Schwarzen nämlich sehr viele Anstrengungen darauf, sich zu integrieren und anerkannt zu werden. Dies äußert sich auch in der Musik: die afrikanischsten Elemente des Gesangs weichen gesellschaftlich akzeptierteren Formen. Es galt zu beweisen, dass auch die Schwarzen eine genauso respektable Kunstform erschaffen können wie die Weißen.

Im Rahmen der Emanzipationsbemühungen der Schwarzen wurde 1866 die erste Universität für Schwarze in Nashville, Tennessee gegründet: die Fisk University, die weltweit bekannt wurde durch die "Fisk University Jubilee Singers". Diese boten neben klassischen Stücken eine Reihe von Negro-Spirituals dar, die jedoch - dem Trend der Zeit folgend - von den typischen afrikanischen Elementen "gesäubert" worden waren.

Dieser Chor unternahm 1871 eine ausgedehnte Tournee durch den Norden der USA und bereiste in den folgenden Jahren Europa, Australien und Neuseeland. Damit kam die westliche Welt zum ersten Mal in Kontakt mit dieser Musikform, wenn auch in bereinigter Form.
Durch diesen Erfolg ermutigt entstanden zahlreiche weitere Chöre.
Darüber hinaus gingen auch Quartette von schwarzen Sängern auf Tournee, die ebenfalls zur Bekanntheit dieser Musikform beitrugen.



Gospelmusik ab dem 20. Jahrhundert

Der erste, 1901 gedruckte Gospelsong der African-Americans ist die Hymne "I'll overcome some day" des Methodistenpastors Charles A. Tindley aus Philadelphia, aus der später "We shall overcome" wurde. Charles A. Tindley stellt einen Meilenstein auf den Weg zur Anerkennung der schwarzen Gospelmusik dar.

Er schrieb sowohl die Melodien als auch die Texte seiner Lieder. Ganz in der Tradition der Spirituals bringen seine Lieder den Armen und Unterdrückten Trost und Hoffnung. Tindley ließ seine Lieder schützen und veröffentlichen. Dies war in seinem Kontext eher ungewöhnlich. 1921 wurde eine Sammlung traditioneller Lieder und Gospels veröffentlicht (The Gospel Pearls).

Der wohl einflussreichste schwarze Gospelsänger und -schreiber ist Thomas A. Dorsey (1899-1993). Er wird von vielen Gospelanhängern als "Father of Gospel Musik" gesehen. Er schrieb nicht nur viele Gospels, sondern tat auch viel, um Gospelmusik zu fördern. Er gründete die "Chicago Gospel Choral Union" und die "National Convention of Gospel Choirs and Chorusses". 1932 schuf er das Dorsey-Musikhaus und brachte damit die schwarze Gospel-Musik entgültig auf den Weg ins große Geschäft. Hier erschienen ungefähr 500 seiner Lieder, und es war die erste Firma, deren einziges Anliegen die Kommerzialisierung des schwarzen Gospels war. Die Früchte von Dorseys Saat waren außergewöhnliche Sängerinnen und Sänger, die den Gospel in den folgenden Jahren über das ganze Land und tatsächlich die ganze Welt verbreiteten. Dazu gehören Mahalia Jackson, Clara Ward und James Cleveland, um nur einige zu nennen.

Seit den Zeiten der Bürgerrechts- und Friedensbewegung in den 1960er Jahren erfüllen Gospelsongs immer mehr die Funktion, die Einigkeit und Entschlossenheit der Protestierenden gegen Krieg und Unrecht in der Welt zu artikulieren. Es war auch die Periode, in der Gospelsongs es erstmals auch in die Hitparaden der Radiostationen schafften. Die Plattenfirmen wurden aufmerksam auf das Geschäft, das mit Gospelmusik zu machen war, und verhalfen dieser durch ihre Werbung zu noch mehr Bekanntheit und Erfolg. Beispiel: von "Oh Happy Day" verkauften die Edwin Hawkins Singers 1969 zwei Millionen Singels. Dies war der erste große Chartdurchbruch für einen Gospelsong.

Seitdem Dorsey erstmals die Grenzen überschritt und Gospelmusik schuf, sangen viele Chöre, Quartette und mitreißende Vokalisten dasselbe Lied, nur in verschiedenen Stilen und an verschiedenen Orten. In den letzten 10 Jahren haben sich die Gesamtverkäufe für Gospelmusik fast verdreifacht. Gospelmusik ist eine Form der christlichen Musik, die mit einer reichen und abwechslungsreichen Geschichte durch ihre intensive spirituelle Qualität bis heute eine stetig wachsende Anziehungskraft auf Musiker, Sänger und Zuhörer ausübt. Die Gospelmusik hat schon lange nicht mehr nur ihren Platz in den Gotteshäusern; es gibt Gospels auf Platte und CD und sogar eigene Radiostationen, die Gospelmusik senden.



Gospel und Blues

Viele religiöse Schwarze empfinden Gospel und Blues als Widersprüche: Gospel ist die Musik der Kirche - Blues die Musik der "Sünder", die sich in Kneipen herumtreiben und von "whiskey and women" singen. Beide Musikformen stammen allerdings aus dem Volksmusikbereich und haben die gleichen Quellen. Beide benutzen auch die gleichen Gesangstechniken. Auch fand man gleichermaßen Gospel- und Bluessänger an den Straßenecken der großen Städte.
Der Unterschied liegt in den Themen. Während der Gospelsänger von Gott und dem Evangelium singt, sind die Themen der Bluessänger rein weltlicher Natur. Formal kommt hinzu, dass die typische Bluesstrophe allgemein einer festgelegten Form folgt, während der Gospelsong jede erdenkbare Form haben kann.